Leo hat gewählt.

Heute war es soweit – die erste Wahl, an der ich teilnehmen durfte. Premiere.

Es verlief alles sehr unspannend und unspektakulär. Ich stand 10:10 Uhr auf, frühstückte gechillt, wusch mein Haar, und machte mich dann an meinen Schreibtisch, um die letzten Tweets zu checken. Zum Mittag gab es Spargel mit Reis und Kochschinken, übergossen mit einer typischen Spargelsaisonsoße. Langsam hängt mir das Essen echt zum Halse heraus, denn wir haben es nun mittlerweile schon mindestens fünf Mal gegessen.

Aufgrund meiner physischen Benommenheit nach dem Essen musste ich erst einmal eine Weile auf meinem Stuhl verbringen, bevor ich überhaupt einen Gang zur Wahl in Betracht ziehen konnte. So machte ich mich 13 Uhr auf den Weg Richtung Rathaus. Ich finde es ganz vernünftig, dass bei uns die Wahl im Rathaus und nicht wie bei @Shao im Altenheim stattfindet. Hat mehr Stil irgendwie.

Erfolgreich durch dein Hintereingang hineingetreten, schaute ich mich erst einmal in den Räumlichkeiten um. Nirgends jemand zu sehen. Also ging ich weiter. Niemand. Doch – da war eine Frau hinter einer Glaswand: Die Empfangsdame. Aber bei der konnte ich schlecht wählen. Angestrengt schaute ich mich um. Und noch einmal. Dann fiel es mir irgendwann auf: Das unauffällige rote A4-Blättchen mit dem Hinweis zum Wahllokal in der 1. Etage.

Erleichtert machte ich mich auf den Weg und absolvierte Stufe für Stufe. Machte einen Linksschlenker und oben einen Rechtsschlenker. Schon stand ich im Raum. Rechts von mir gesehen waren drei Wahlhelferinnen. Eine überprüfte meinen Wahlschein, die nächste gab mir etwas später den Kommunalwahlzettel und die dritte reichte mir den gefühlten 2m langen Europawahlzettel zu. Auf 8 Uhr saß ein älterer Herr hinter zwei Urnen und sah mich freundlich an. Ich verkroch mich in eine der vier Wahlkabinen, wobei davon noch zwei frei waren.

Ruhig machte ich meine vier Kreuze, schließlich wusste ich schon seit dem vorherigen Abend, was ich zu wählen hatte. Nach ca. 1,5min war ich fertig, faltete alles wieder schön zusammen und verzog leicht meine Stirn, während ich dachte: “Was für eine Papierverschwendung für 4 Kreuze.” Etwas mürrisch stand ich auf und ging zum älteren Herrn. Sofort lächelte ich wieder ein wenig, erleichtert darüber, diese umweltschädigenden Papierzettel in den beiden dunklen Schlitzen versenken zu dürfen. Dabei schaute sich der Herr alles genau an und machte jedes Mal, wenn ein Zettel in eine der Kisten fiel, ein kleines Kreuz in seiner Liste.

Mit einem kurzen “Tschüss” verabschiedete ich mich von den insgesamt vier Wahlhelfern und machte mich wieder auf den Weg nach Hause, rätselnd darüber, warum nur 40% aller Deutschen wählen gehen. Es dauert überhaupt nicht lange und es sitzen sogar noch nette Personen dort. Andererseits ist es eine mächtige Papierverschwendung und ein logistisches Problem, 100% aller Wahlberechtigten dorthin zu karren. Man schaue sich nur die 80 Jahre alten Rentner an.

Im Prinzip habe ich meine regen Zweifel, ob die Europawahl überhaupt etwas bewirkt, da ja eh viel hinter der Bühne geschoben und gedrückt wird. Man kann die Leute bei der Europawahl nicht wählen, sondern nur die Parteien. Somit nur eine halbe Demokratie. Und außerdem ist der europäische Politikapparat sowas von langsam, dass ich wahrscheinlich selber so einen Gesetzestext in der halben Zeit ausarbeiten könnte wie hunderte Politiker dort eine halbe Ewigkeit. Das kling überheblich, entspricht aber leider der Wahrheit… finde ich zumindest.

Im Grunde genommen habe ich heute meine Pflicht als Bürger eines demokratischen Landes erfüllt und damit eine meiner letzten Möglichkeiten genutzt, an der politischen Gestaltung unserer Zukunft mitzuwirken. Daher schlafe ich heute mit einigermaßen ruhigem Gewissen xD

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